14.07.2011

Die Klassiker der Pflege, Folge 5

Kosmetik von Mensch zu Mensch

Der Beruf der Kosmetikerin hat zwar eine lange Geschichte, wandelte sich aber wie die pflegende Kosmetik in den vergangenen 00 Jahren deutlich. Wieder waren es zwei deutsche Grande Dames, die Pionierarbeit geleistet haben.

Foto: Jonaus Glaubitz - www.fotolia.com

Kosmetikerin willst du werden? Willst Du nicht lieber etwas Richtiges lernen mit Deinem Notendurchschnitt? Mit diesen leicht entsetzt gestellten Fragen konfrontierte noch Anfang der 1970er Jahre ein konsternierter Klassenlehrer der Abschlussklasse die Autorin dieses Beitrags. Eine bezeichnende Reaktion. Der Beruf der Kosmetikerin hat lange um Anerkennung kämpfen müssen.

Die Pionierinnen der Kosmetik haben zu Beginn meist zwei-gleisig gearbeitet, gezwungenermaßen. In der eigenen Küche bereiteten sie Pflegeprodukte selbst zu und zeitgleich entwickelten sie Behandlungskonzepte für ihre Kundinnen. Sie bildeten sich in Fragen der Dermatologie selbst weiter, wenn sie nicht aufgeschlossene Hautärzte fanden, die bereit waren, ihr Wissen mit nicht akademisch gebildeten Frauen zu teilen.

Anfang 1900 waren Wien und Berlin das Mekka für künftige Kosmetik-Unternehmerinnen wie Rosel Heim (siehe Pflegeklassiker Folge I). Doch kaum stellte sich der Erfolg ein, mussten sie Nachwuchs heranbilden, um die Arbeit zu delegieren.

In der Folge war die Kosmetik ein ungeregelter und nicht anerkannter Ausbildungsberuf, die Ausbildung selbst war von den jeweiligen Vorlieben der Ausbilder abhängig. Unternehmen trainierten Kosmetikerinnen mit Schwerpunkt auf Verkauf, Institutsinhaberinnen mit Schwerpunkt auf Behandlung. Die Ausbildungszeit konnte von vier Wochen bis zu einem Jahr dauern. Von einheitlichen Richtlinien keine Spur. Bis sich Helen Pietrulla der Sache annahm.

Kosmetikschule eröffnet
Die “Blaue Reihe” aus Heidelberg
Bereits 1943 eröffnete Helen Pietrulla, die ihre Grundkenntnisse in Wien erworben hatte, ihr erstes Kosmetikinstitut in der Heidelberger Altstadt. Die Behandlung erfolgte wie damals üblich mit selbst entwickelten und hergestellten Produkten. Bei den Behandlungskonzepten und Massagetechniken profitierte sie auch vom Wissen ihres Mannes Herbert, eines Physiotherapeuten. Von Anfang an verschrieb sie sich der Ganzheitskosmetik.

1947 gründete sie die “Heidelberger Berufsfachschule für Kosmetik“, die Jahre später und nach langem Kampf mit dem Kultusministerium von Baden-Württemberg als erste Kosmetikschule Deutschlands staatlich anerkannt wurde. Das war 1969. Bereits 1958 führte sie an ihrer Schule die einjährige CIDESCO-Berufsausbildung im Vollzeitunterricht ein. Die Zahl der Kosmetikerinnen, die mit ihrem Entlassungszeugnis die Bergheimer Straße in Heidelberg verlassen haben, ist immens. Die von ihr verfassten sieben Kosmetiklehrbücher wurden als “Blaue Reihe“ legendär und dienten unzähligen anderen Ausbildern über Jahrzehnte als Standardwerk. Auch ihr einjähriges Ausbildungskonzept fand – zum Glück – zahlreiche Nachahmer in ganz Deutschland. Damit hat Helen Pietrulla maßgeblich auch zur gesellschaftlichen Anerkennung des Kosmetikberufes beigetragen. Eine Leistung, die honoriert wurde: 1960 erhielt sie als erste deutsche Kosmetikerin den internationalen CIDESCO-Preis für die von ihr entwickelte “Juventerna-Kur-Behandlung”. 1987 erhielt sie für ihre Verdienste um die deutsche Kosmetik den “Cosmetic Oscar“, die höchste Auszeichnung der Kosmetikbranche. 2004 wurde Helen Pietrulla mit dem Beauty-Award “A Life of Beauty“ für ihr Lebenswerk geehrt.

Helen Pietrulla war nicht nur als “Lehrmeisterin“ erfolgreich. Ihre 1950 gegründete Helen Pietrulla Kosmetika Produktion ist vor allem als Institutskosmetik heute noch erfolgreich. Ihr Lebenswerk (Helen Pietrulla starb 2009 mit 91 Jahren) wird von Sohn Olaf und mittlerweile in der dritten Generation von Enkel Ingo weitergeführt.


Pflege mit Urlaubskick
Mutter der Schönheitsfarmen
Wenn die Auszeit für stressgeplagte Frauen im Kosmetikinstitut eine Kür ist, dann ist der Aufenthalt auf einer Schönheitsfarm die Kür der Kür. Lange, bevor der Begriff Wellness inflationär gehandelt wurde, hat im bayrischen Rottach-Egern Gertraud Gruber Wellness bzw. Ganzheitskosmetik zelebriert.

Sie gilt zu Recht als Begründerin der Schönheitsfarm, zumindest was den europäischen Raum anbelangt (Elizabeth Arden hatte bereits 1934 ein “Spa“ eröffnet). Zunächst aber absolvierte Gertraud Gruber 1941 eine Ausbildung zur staatlich geprüften Gymnastiklehrerin und Heilgymnastin. Bis Kriegsende arbeitete sie in einem Lazarett in Rottach-Egern als Heilgymnastin mit Spezialisierung auf die Behandlung der Gesichtsmuskulatur nach Nervenverletzungen. 1948 folgte die Ausbildung zur Kosmetikerin in der Friedl-Groh Kosmetikschule, München und die Arbeit im eigenen Kosmetikinstitut.

Am 1. Oktober 1955 eröffnete die erste Schönheitsfarm Europas mit acht Zimmern und fünf Mitarbeiterinnen. Heute umfasst die Schönheitsfarm neben dem Stammhaus und seinen Dependancen mehr als 80 Zimmer, die Gäste werden von 115 Angestellten umsorgt und die Chefin betreut auch im 90. Lebensjahr die Gäste noch aktiv mit. Gertraud Gruber ist damit selbst das beste Beispiel für einen ihrer Leitsätze, den sie bereits seit der Gründung ihrer Schönheitsfarm ihren Gästen bis heute mit auf den Weg gibt: “Schönheit ist das Ergebnis vorsorgender Gesundheitspflege.”

Mit dieser Philosophie war die gebürtige Münchnerin in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihrer Zeit weit voraus. Auch die 1962 bei Yogameister Selva Raya Yesudian erworbene Lehrberechtigung durch den Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland beweist diesen Weitblick. Auf der Schönheitsfarm Gruber ist es schon seit der ersten Stunde die Kombination von gesunder Ernährung, regelmäßiger Bewegung, Entspannung und individueller Hautpflege, die ein ganzheitliches Wohlgefühl auslösen. Eben Wellness pur, nur bodenständig.

Als weitsichtige Unternehmerin hat Gertraud Gruber 1996 die ebenfalls in Rottach-Egern ansässige Gertraud Gruber Kosmetik GmbH & Co. (35 Beschäftigte) gegründet. Die eigenständige Firma unter Leitung von Roland Schäfer sorgt für die Entwicklung und Produktion sowie für den Versand und die erfolgreiche Vermarktung des Pflegekonzepts mit ganzheitlichen Behandlungsmethoden und natürlich-biologischen Wirkstoffprodukten für jedes Hautbild und jedes Alter.

“Avon calling”
Kosmetik aus Koffer und Katalog
Dank der Industrialisierung wurde die Kosmetik von der Göttergabe zur Massenware. Und dass die Kosmetik von den Massen begehrt wurde, verdankt sie wiederum den damals modernen Medien, allen voran Zeitung und Rundfunk. Die brachten die Kunde von den fabelhaften Produkten, mit denen jede Frau sich schöner, attraktiver und besser fühlen kann, bis in die letzten Winkel eines jeden Landes. An kaufbereiter Kundschaft mangelte es nicht, doch wie die begehrte Ware an Frau und Mann bringen? Vor allem im weitläufigen Amerika war das Anfang des 20. Jahrhunderts eine Heraus-forderung.

Eine flächendeckende Versorgung, wie wir sie heute kennen, war damals unvorstellbar. Es konnte eigentlich nur ein Amerikaner sein, der die zündende Idee hatte: Direktvertrieb. Und so begann die Geschichte von Avon 1886 in New York mit einem Büchervertreter namens David H. McConnell, der von Tür zu Tür ging und seinen Kundinnen als Dankeschön für ihre Einkäufe oftmals ein Parfüm überreichte. Er merkte schon bald, dass seine Kundinnen das Parfüm lieber mochten als die Bücher – das war das Schlüsselerlebnis für seine Geschäftsidee. David H. McConnell gründete 1886 in Manhattan ein Unternehmen namens “California Perfume Company”, das 1939 in Avon umbenannt wurde. Mrs. P. F. E. Albee wurde die erste Avon-Beraterin und damit eine der ersten berufstätigen Frauen Amerikas. Mit der Pferdekutsche machte sie sich vom ländlichen New Hampshire aus auf den Weg und warb weiter unabhängige Beraterinnen an. Damit begann sie, bereits 34 Jahre bevor Frauen in den USA das allgemeine Wahlrecht zugesprochen wurde, den Weg in die berufliche Unabhängigkeit für Frauen zu ebnen. Und einmal mehr zeigt sich damit, wie viel Kosmetik mit einem neuen, positiven Lebensgefühl zu tun hat. Viele Amerikanerinnen erinnern sich noch heute gern an den Werbespot in den 60ern und den fröhlich-freundlichen Werbe-Singsang: “Avon calling!”

Seit 125 Jahren ist Avon weltweit ein Synonym für den Direktvertrieb. Und als 1959 die erste deutsche Niederlassung gegründet wurde, erreichte die Avon-Beraterin schnell Kultstatus. Die Abende im heimischen Wohnzimmer mit allen Nachbarinnen, die testeten, cremten, salbten und schnupperten, sind legendär. Und natürlich längst wehmütig belächelte Vergangenheit. Heute allenfalls mit Homeshopping zu vergleichen, das aber meist alleine vor dem Fernseher oder dem Internet zelebriert wird.

Das Unternehmen Avon selbst hält an seiner Philosophie fest. Artikel von Avon sind in keinem Geschäft zu kaufen, sie werden ausschließlich über ihre Beraterinnen (weltweit über sechs  Millionen!) vertrieben, die diese Tätigkeit oftmals als Nebenbeschäftigung ausüben. Erst seit dem Jahr 2000 besteht in Deutschland die Möglichkeit, Avon-Kosmetik über das Internet zu beziehen. Avon gehört zu den Global Playern mit einen Umsatz von über 10 Milliarden US Dollar.

 

Märkte für Kosmetik
Von der Galanterieware zum Kosmetikmarkt
War der Direktvertrieb ein Weg zum Kunden, war der zum Massenmarkt eine logische Entwicklung im Einzelhandel. So wie die Tante-Emma-Läden nur noch in nostalgischer Erinnerung leben, sind auch die Spezereien und Galanteriewaren längst aus dem Straßenbild verschwunden. Nach dem Krieg war die erste Adresse, Kosmetik zu kaufen, der Friseur, der Drogist, der Apotheker oder die klassische Parfümerie. Sie alle bekamen mit dem Wirtschaftswunder Konkurrenz von den großen Kauf- und Warenhäusern mit ihren glitzernden Parfümerie-Abteilungen. Und ganz schnell, bereits in den 60er Jahren, traten mit Discountern und Verbrauchermärkten nicht nur neue Betriebsformen in Erscheinung, sondern auch Einzelhandelsunternehmer neuen Zuschnitts, die sich nicht gerade durch große Empfindlichkeit auszeichneten, wenn es darum ging, neue Positionen zu erobern. Die traditionellen Unternehmen hatten dem oft nicht viel entgegenzusetzen.

Seit den 1960er Jahren gelten Fachmärkte als erfolgreiche Betriebsform. Da die Lebensmittel-Discounter in den 60er Jahren so erfolgreich waren, wurde dieses Konzept auch auf Drogeriemärkte übertragen. Bei den Drogeriemärkten gilt Dirk Rossmann, der 1972 in Hannover seine erste Filiale eröffnete, als Pionier. Später folgten die Filialen von Schlecker, Fuchs, dm, Schmidt und Müller. Sie haben die ursprünglichen Fachgeschäfte (insbesondere mittelständische Drogerien) verdrängt. Inhabergeführte Parfümerien haben sich dagegen behaupten können, müssen sich aber den Umsatz mit großen Filialisten wie Douglas teilen.

Die Kunden jedenfalls profitieren vom flächendeckenden Angebot, der Weg zur Massenware Kosmetik ist wahrlich für keinen weit.
Monika Baumann

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