28.10.2011
Die Klassiker des Make-ups, Folge 7
Ein Hauch von Nichts schreibt Geschichte
Puder belegt einerseits den Einfallsreichtum, den die Menschen schon immer gezeigt haben, wenn es darum ging, dem gängigen Schönheits-ideal zu entsprechen; andererseits zeigt sich an ihm auch exemplarisch, wie sehr sich die Rezepturen von der Antike bis heute verfeinert haben.
Ob Japan, Ägypten, Griechenland oder das alte Rom – schon in der Antike puderten schönheitsbewusste Frauen ihre Haut. Sie verwendeten pulverisierte Tonerde, gemahlene Reiskörner, Weizen- oder Bohnenmehl. Hauptsache, es war weiß. Noch heute kann man in Museen kostbare Puderdosen und -zerstäuber, hübsche Puderpinsel und -besen aus der Antike bewundern.
Trotz der vielen Frauen, die sich schminkten, war es ein Mann, der Mitte des 15. Jahrhunderts den Puder zum Pflichtprodukt ausrief. Der französische König Henri I. zeigte sich seinen Untertanen nur perfekt gestylt mit hell gepuderter Haut. Wer etwas auf sich hielt, tat es ihm gleich. Diese Sitte verbreitete sich auf dem gesamten Kontinent. Venezianische Frauen bedeckten ihr Gesicht mit einer wasserlöslichen Paste, über die jeden Tag eine neue feine Schicht gepudert wurde. Englische Frauen sicherten sich ihre vornehme Blässe durch pulverisierte Asche aus Tierknochen, bedeckt von einer dünnen Ölschicht aus Mohnsamen.
In einen wahren Puderrausch verfiel die feine Gesellschaft im Rokoko (1730-1790). Frauen, Männer und Kinder benutzten den Puder verschwenderisch, um sich damit Gesicht, Dekolleté, Arme, Hände und sogar die Perücke zu bestäuben. Sie nahmen Puder, um die Spuren des Älterwerdens, wie Falten und graue Haare, zu überdecken. Oft ließ sich aufgrund der Puderschicht nicht einmal mehr genau feststellen, wie alt jemand tatsächlich war.
Puder seinerzeit
Übertrieben und gefährlich
Der Adel kompensierte mit dem weißen Staub seine mangelnde Reinlichkeit und die sichtbaren Folgen diverser Krankheiten. Die verwendeten Pudersubstanzen setzten der Haut allerdings noch weiter zu. Am harmlosesten war der feine Staub des Reismehls, der stark parfümiert und mit Farbstoffen versehen war. Als billige Alternative gab es Getreidemehl für die weniger Betuchten. Besonders begehrt war der weiße Bleipuder, ein gefährliches Gemisch. Schon seine Herstellung erwies sich in vielerlei Hinsicht als eine ätzende Prozedur: Dünne Bleiplatten wurden in ein Gefäß gegeben, das man mit Essig füllte. Das Ganze ließ man drei Wochen lang in einem Bett aus Pferdedünger stehen. Danach wurden die Platten zerschlagen und zu Puder zerstoßen. Anschließend mischte man Wasser darunter und stellte den Brei zum Trocknen in die Sonne. Ganz zum Schluss wurde der Puder parfümiert und – je nach Wunsch – grau oder weiß eingefärbt.
Dieser Bleipuder war so gefährlich, dass die Armen, die ihn herstellen mussten, über allerlei Gesundheitsschäden, von Kopfschmerzen bis hin zur Erblindung, klagten. Ebenso schädlich war der Puder für die Haut der Anwender. Der Teint war meist schlaff, gelb und fahl, übersät mit Pusteln und Ekzemen. Keine der zeitgenössischen Schönheiten konnte ihr gutes Aussehen über das 30. Lebensjahr hinaus retten. Doch je schrecklicher die Auswirkungen auf die Haut waren, desto mehr wurden sie korrigiert und übermalt. Im Paris zur Zeit Marie Antoinettes puderten die Damen der Gesellschaft ihre Gesichter so dick weiß, dass sie versteinert wie aus Marmor wirkten. Es sollte sie vom gemeinen Volk abheben. Denn Natürlichkeit wie nackte Haut galt damals als äußerst unfein.
Die Französische Revolution setzte dem weißen Treiben ein jähes Ende. Scharenweise rollten die gepuderten Köpfe unter der Guillotine. Alles Aristokratische galt von da an als vulgär. Auch der Puder. Waschen mit Wasser setzte sich wieder durch.
Puder in der Neuzeit
Hautfreundlicher Schönheitsassistent
Erst um 1900 wurde Gesichtspuder allmählich wieder gesellschaftsfähig. Die puristische Jahrhundertwende bescherte ihm sogar eine Solorolle. Als einziges Schönheitsutensil, das einer Dame von Welt gestattet war. Nur die “Demi-Monde”, die Halbwelt der Schauspieler und Prostituierten trug Farbe im Gesicht. Im Vergleich zu früher wurde der matte Weißmacher aus weniger gefährlichen Substanzen gewonnen. Erst war es Mehl, Magnesium oder Reisstärke, später wechselte man zu Mandel-, Reis und Kartoffelmehl. Geschichtet wurde das feine Pulver damals auf kleine Papierblätter, die zu einem Büchlein zusammengefasst waren. Kurze Zeit später wurde der Puder bereits zu einem Puderstein zusammengepresst, um ihn gut in der Handtasche mitnehmen zu können. Er hatte die Aufgabe, die Haut matt abzudecken und – vor allem – sie zu tönen.
Besonders hautfreundlich war der Puder damals noch nicht. Durch die zumeist quellenden Materialien wie Talkum, geriebene Seide oder Reisstärke quoll er durch Schweißbildung auf und verstopfte die Poren. Heute ist Puder in seiner leichten, duftigen und schmeichelnden Konsistenz das i-Tüpfelchen eines perfekten Make-up-Finishs – oder als Körperpuder der ultimative duftende Luxus. Ein bezaubernder Stardust eben.
(Quelle: www.crossdress.transgender.at)
Porzellanhaut bekommt Tönung
Shiseido bricht Konventionen
Traditionell nutzten die Japanerinnen weißen Gesichtspuder; die so genannte “Porzellanhaut“ symbolisierte Grazie, Schönheit und Eleganz. 1906 brach Shiseido mit dieser Konvention und präsentierte zwei neue hautfarbene Gesichtspuder: Kaede und Hana. Die innovativen Produkte entwickelten sich schnell zum Geheimtipp unter Tokios High-Society. 1917 lancierte das Unternehmen das “Rainbow Face Powder” in sieben verschiedenen Farbtönen, um für jede Kundin die passende Nuance bieten zu können. Auch wenn die japanische Aristokratie das farbige Gesichtspuder bereits sehr schätzte, war es der breiten Bevölkerung noch immer unbekannt. Die sieben Nuancen bedeuteten daher eine echte Revolution. Der Tiegel des Gesichtspuders war mit Satin überzogen und quadratisch, mit abgeschnittenen Ecken, sodass eine achteckige, luxuriöse Box entstand. Das moderne und innovative Rainbow Face Powder wurde ein Must-Have unter den trendbewussten Japanerinnen. Das Puder war besonders bekannt dafür, bei den populären Geishas von Shimbashi sehr beliebt zu sein, da es durch seine einzigartige Farbigkeit ganz neue Möglichkeiten zur Kreation von verführerischen, modernen und edlen Looks eröffnete.
1932 folgte die Lancierung des “Modern Colour Face Powder“ in neun verschiedenen Nuancen. Es war sehr ungewöhnlich für das schlichte, ästhetische Design von Shiseido, den Tiegel mit dem Abbild einer eleganten Frau zu schmücken. Doch zusammen mit dem silbernen Muster auf dem Rand des Tiegels und den fünf Farbelementen im Hintergrund ergab sich eine glanzvolle, moderne Kombination aus Art Deco und Art Nouveau. Das wiederum war charakteristisch für die moderne und künstlerisch anspruchsvolle Design-Abteilung von Shiseido.
Seit der ersten Lancierung im Jahr 1917 waren die beliebten Face Powder immer Teil der Make-up-Linie von Shiseido. Die aktuellste Variation wurde im Jahr 2010 lanciert. “Luminizing Satin Face Color“ schmeichelt der Haut mit brillanten, edlen Nuancen und verwöhnt sie gleichzeitig mit einer extra Portion Feuchtigkeit.
Abschied von der Puderquaste
Puder in Perlenform von Guerlain
Als Firmengründer Pierre-Francois-Pascal Guerlain 1830 mit der Entwicklung seiner ersten Parfums, Körperlotionen und pharmazeutischen Präparate für kosmetische Anwendungen begann, gehörte Puder zum guten Ton. Für einen perfekt gebleichten Teint begaben sich die Damen zu Guerlain und ließen sich in Wolken von parfümiertem Puder einhüllen. Deren Namen erinnerten an weißen Pulverschnee: Poudre de Lys, Poudre d'Iris oder de Muguet. Die Puder konkurrierten mit dem göttlich inspirierten Poudre Cypris (ein anderer Name für die Liebesgöttin Venus bzw. Aphrodite) und dem kultverdächtigen Pulvis Alba. Seine Vorreiterrolle behielt das Unternehmen bis in die Neuzeit bei. Als Meilenstein galt ein 1984 geschaffener Kieselstein: Bernsteinfarben, sanft, pudrig verlieh er dem Teint augenblicklich eine sonnige Tönung. Seitdem gehört Terracotta übrigens zum festen Bestandteil der Make-up-Utensilien für Frauen, die einen natürlichen, sommerlich frischen Teint wollen. Ein weiterer Meilenstein bei Guerlain waren die legendären Météorites, die sogar zum Kultobjekt avancierten. 1987 entstand erstmals ein loser Puder in Form von Perlen, das heißt, von sanften, pastellfarbenen Puderkugeln mit einem zartem Veilchenduft. Ein Puder, der nicht “davonflog“, ein neues Puderritual bot und Schluss machte mit der Puderquaste. Mit dem Pinsel konnten die Frauen von nun an alle Farbtöne zu einer einheitlichen Harmonie, einem perfekten, ganz leichten “Schleier“ vermischen.
Kunst trifft auf Kosmetik
Artdeco “magnetisiert” den Lidschatten
Die Geschichte des Lidschattens ist mit dem Puder ganz nah verbunden, da Lidschatten ebenfalls gepresster, mit Farbpigmenten angereicherter Puder ist. Bis ins alte Ägypten lässt sich seine Spur zurückverfolgen und auch er durchlief verschiedene Entwicklungs-etappen. Blicken wir auf die neuere Geschichte: Bis in die 1980er Jahre wurden Lidschatten meist in 2er-, 3er- oder 4er-Platten angeboten und dabei war meist ein Farbton darunter, den Frau nicht gebrauchen konnte. Mit diesem “Farbzwang“ räumte Helmut Baurecht auf, als er unter der Marke Artdeco das System von Lidschattenboxen mit Metallboden und Lidschatten in Magnetpfännchen entwickelte. Die Lidschatten hafteten am Metallboden und konnten beliebig zusammengestellt werden. Schon bald nach dem Start trat dieses System seinen weltweiten Siegeszug an. Inzwischen bietet Artdeco nicht nur mehr als 120 Lidschatten und ein umfangreiches Sortiment von Blusher- und Camouflage-Farben, sondern auch Beauty Boxen in sechs Größen an, so dass es eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten gibt, das persönliche Wunschsortiment zusammenzustellen. Noch dazu wurden die Beauty Boxen zu kleinen Kunstwerken weiterentwickelt, die inzwischen echte Sammelobjekte geworden sind. In limitierter Auflage erhältlich, werden die Design-Boxen mittlerweile von etablierten Künstlern gestaltet und sind bereits zwei Mal mit dem Prix de Beauté ausgezeichnet worden.
Lack für die Nägel
Der Autoindustrie sei Dank
Der Nagellack wurde vor 85 Jahren als Nebenprodukt in der Autoindustrie entdeckt. Dabei waren die ersten Farben leicht rosa und durchschimmernd. Gleichwohl war die Entdeckung für die damalige Zeit eine Sensation. Der erste Nagellack wurde 1925 auf dem Markt eingeführt. Nagellack war in rosigen bis roten Farben erhältlich und in den Etikettebüchern dieser Zeit wurden Frauen vor dem Anmalen der Nägel mit grellen Farben gewarnt. In der Goldenen Hollywood Ära machten Film-diven wie Rita Hayworth die Moon-Maniküre zum Trend. Die 1920er und 1930er Jahre sind für Beatrice Kaye, die bei MGM zuständig für die Maniküre war, die Phase der “Mond-Maniküre”. Bei diesem “Look“ wurde die Nagelhaut entfernt und der überstehende Nagel spitz gefeilt. Danach strich frau den Lack auf den Nagel, wobei der Nagelmond ausgespart wurde. Manchmal blieb auch die Spitze unlackiert. In dieser Zeit verbot es die Etikette “anständigen“ Frauen, die Nägel in kräftigen oder grellen Farben zu lackieren.
Der Nagellack als Massenprodukt ist untrennbar mit dem Namen Revlon verbunden. Charles Revson, sein Bruder Joseph und der Chemiker Charles Lachmann entwickelten 1932 die Formel weiter und präsentierten den ersten deckenden, roten Nagellack. Die Firma Revlon (das “L“ steht für Lachmann) wurde gegründet und innerhalb kurzer Zeit durch die Einführung von Lippenstift und Nagellack in passenden Farben berühmt. Der Nagellack, den die Firma Revlon entwickelte, war erstmalig ohne Farbstoffe hergestellt worden. Noch heute werden die Lacke mit Pigmenten versetzt. Das Jahr 1932 gilt als die Geburtsstunde des Nagellacks, wie wir ihn heute kennen.
Rita Hayworth brachte 1940 lange rote Fingernägel und eine neue Nagelform in Mode. Ihre Fingernägel waren länger und eher rund als spitz, und der Nagel war über die gesamte Fläche vollständig auslackiert. Eine Flasche roter Nagellack von Elisabeth Arden kostete damals 0,75 Cent.
Seit 1950 ist Nagellack in immer mehr Farben erhältlich. Beispielsweise kostete damals in Amerika eine Schachtel, die Nagellack, Lippenstift und Lip Liner enthielt, 1,60 Dollar. Während der 1950er Jahre wurde die Idee des sprühbaren Nagellacktrockners geboren, womit die Servicezeit in den Studios revolutioniert wurde. (Quelle: alessandro/Weigel)
Als Sylvia Troska 1989 ihr Unternehmen alessandro International gründete, brachte sie den in den USA boomenden Nail-Design-Trend nach Deutschland. Sie ist nicht nur Mitbegründerin florierender Nail-Design-Studios, sie ist auch Vorreiterin in Sachen Farbvielfalt auf den Nägeln. Mit den ersten Nagellacken aus Nitrozellulose und Farbpigmenten haben die neuen Nagellacke von alessandro International fast nichts mehr gemein. Diese bestehen mittlerweile aus mehr als 30 unterschiedlichen Rohstoffen und verzichten dabei auf Formaldehyd, DBP und Toluene. Die neue Technologie trocknet extrem schnell und schont die Struktur des Nagels. Zusätzlich enthalten sie spezifische Komponenten wie Filmbildner, UV-Absorber sowie Inhaltsstoffe, die für einen cremigen, stabilen, glanzvollen und haltbaren Auftrag sorgen. Im Laufe der Jahre kreierte alessandro weit mehr als 1.000 verschiedene Nagellackfarben. Nebenbei: Aktuell umfasst die Palette 77 Farben.
Wie beim Puder zeigt es sich auch beim Lack oder anderen Farbprodukten im Dienst der Schönheit: Sie sind längst nicht mehr nur Mittel zum Zweck – sie sind Lebensgefühl, Lebensbestandteil und Accessoire wie eine Tasche, Schmuck oder Schuhe. Gegenüber Letzteren sind sie aber nicht nur Beigabe zur Schönheit, sondern verschmelzen mit ihrer Trägerin zu einer Einheit.
Monika Baumann
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